Der Weg in die Freiheit - wie diese Geschichte entstand

Das Thema meines Kurzromans »Der Weg in die Freiheit« - die Konversionstherapie - ist sicher alles andere als gewöhnlich.

Entstanden ist die ursprüngliche Geschichte bereits im März 2016 (meine Güte, wie die Zeit rennt …). Damals rief Caro Sodar auf bookrix zu einer Art Wettbewerb auf: »Eine Geschichte für Bernd«.

Bernd ist irgendwie die gute Seele unseres Genres. Er ist integer, neutral, DIE Informationsquelle, wenn es darum geht, Neuerscheinungen aufzuspüren, ein super Korrekturleser, Freund, Ansprechpartner und viel zu gut für diese Welt, weil er immer allen helfen will.

Caro erstellte für die Aktion ein Cover und Bernd suchte einen Titel aus. Nun galt es, für Bernd eine Geschichte zu schreiben, einfach um ihm mal etwas zurückzugeben. Etwas, das nur für ihn entstanden ist.

Ich weiß noch, wie ich damals da saß und mir das Hirn zermaterte, was ich schreiben könnte. Eine Kurzgeschichte sollte es sein, etwas das zum Titel passt (und in dem Fall auch zum damaligen Cover, denn man sah den fröhlichen Bernd hinter einer Stele des Holocaust-Mahnmals). Die Zeit rann mir davon und vor allem hatte ich ständig ein Lied von ASP im Kopf. Denn in deren Lied »Der Wechselbalg« gibt es im Refrain eine Zeile, in der es heißt »Der Weg in die Freiheit blieb wieder versperrt …« und ich kam einfach nicht davon weg. Jeder Versuch, den Kopf freizubekommen, um endlich diese Geschichte schreiben zu können, misslang. Also ging ich den umgekehrten Weg: Kopfhörer auf, Lied rausgesucht und in Dauerschleife laufen lassen. Normalerweise kann ich Musik beim Schreiben ja so gar nicht leiden, aber in diesem speziellen Fall war es wie eine Offenbarung. Ich hörte die Musik, verinnerlichte den Text und plötzlich war sie da, die Geschichte. Nicht in allen Einzelheiten, aber ich spürte, dass ich nur noch anfangen musste und sie sich nach und nach entblättern würde.

Ich begann zu schreiben. An einem Samstagnachmittag. Daran erinnere ich mich noch sehr genau. Ich konnte gar nicht so schnell schreiben, wie die Wörter aus mir raus wollten. Es nahm kein Ende. Ich wusste zwar am Anfang gar nicht, wohin die Geschichte läuft, aber ich WUSSTE, dass sie passt, richtig sein wird. Julius wollte mir seine Geschichte erzählen und er wollte endlich mit sich selbst ins Reine kommen, weshalb er beschloss, fortan nicht mehr schwul zu sein.

Ich schrieb den ganzen Sonntag durch. Montag musste ich (natürlich ;) ) arbeiten und ich tat etwas, das ich noch nie zuvor getan hatte: Auf dem Weg zur Arbeit (im Bus), in der Mittagspause und auf dem Rückweg tippe ich wie eine Blöde alles in mein Handy. Ich bat Caro um eine Fristverlängerung, denn eigentlich war für Dienstag das Ende der Aktion gedacht und dann sollten die Geschichten veröffentlicht werden.

Ich wurde am Montagabend (recht spät) sogar noch fertig, flehte zwei meiner Betas an, schnell mal nach Logikfehlern zu gucken, eliminierte die schlimmsten Rechtschreib-/Tippfehler und schickte am Dienstag alles zu Caro. Als ich am Ende schaute, wie lang es eigentlich geworden ist, glaubte ich, meinen Augen nicht zu trauen: Es waren knapp 18.000 Wörter, die ich in 2 1/2 Tagen »runtergerissen« habe. Wer damit nichts anfangen kann, das entspricht in etwa 70 Taschenbuchseiten … Für diese Menge brauche ich sonst, nun sagen wir, deutlich länger *lach* (Wochen bis Monate). (und nach der Überarbeitung sind jetzt noch mal fast 50 Seiten hinzugekommen;) )

Nun war dieser Rohentwurf (denn mehr war es nach dieser kurzen Zeit auf keinen Fall) für ein paar Wochen frei zu lesen, dann endete die Aktion. Lange hielt ich die Geschichte quasi unter Verschluss. Irgendwie hatte ich wohl Angst, die Geschichte und die Magie hinter ihrer Entstehung zu gefährden, wenn ich sie überarbeiten würde. Okay, hinzu kam wohl auch, dass sich tatsächlich ein paar Logikfehler versteckten, die ich schon damals wusste, aber erst einmal grob hingebogen habe für die Aktion. Außerdem ist es ja nicht so, dass ich nicht genug andere Ideen zum Umsetzen habe.

Aber jetzt war der Drang plötzlich da. Es ist wohl tatsächlich so, dass jede Geschichte ihre Zeit hat. Dann meldet sie sich quasi von allein und man ist beinahe machtlos dagegen.

Ich gebe zu, Konversionstherapien gehören nicht zu den gängigen Themen im Genre Gay Romance.

Ich bin darauf vor einigen Jahren eher zufällig gestoßen. Vermutlich habe ich gerade wieder ausgiebig prokrastiniert *hust* und bin dabei über eine Reportage von Christian Deker im NDR über sog. Schwulenheiler gestoßen. Christian Deker ist Journalist, offen schwul und hat sich in die Abgründe der »Umpolunsangebote« begeben. Diese Reportage hat mich wirklich nachhaltig beschäftigt.

(Die Reportage »Die Schwulenheiler« ist übrigens über die ARD-Mediathek noch immer abrufbar.)

Auch ich dachte vorher immer, solche Dinge wie »Umerziehungscamps« und esotherisch angehauchte Therapien seien Dinge aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (wenn überhaupt) oder vielleicht noch in fernen Ländern jenseits der Ozeane anzutreffen. Doch dieser Beitrag hat mich fassungslos gemacht. Nicht nur, wie weit verbreitet solche »Therapien« auch heutzutage immer noch sind, sondern dass es auch immer noch derart viele Menschen in unserem aufgeklärten Zeitalter gibt, die davon vollkommen überzeugt sind. Ich bin nicht naiv. Ich weiß, dass es genug Menschen gibt, die queere Personen ablehnen, verabscheuen oder sogar hassen. Das ist auch kein Thema, das ich hier großartig ansprechen will. Denn bei den wirklich verbohrten Menschen ändert man nichts.

Grundsätzlich habe ich auch nichts gegen Menschen, die sagen: »Ich kann damit nichts anfangen und will es auch gar nicht.« Denn jeder hat doch irgendetwas, das er nicht mag. Sei es ein bestimmter Musikstil, bestimmte Nahrungsmittel oder auch Lebensstile anderer (wie beispielsweise Hippies, Nomaden, whatever). Da finde ich es auch legitim, wenn man damit möglichst wenig Berührungspunkte haben will. Was nicht heißt, dass ich diese Menschen nicht trotzdem tolerieren/akzeptieren kann. Solange sie nicht versuchen, mich zu missionieren und niemandem Schaden zufügen, sollen sie leben, wie sie wollen.

Aber zurück zum Thema.

Traurig, aber wahr: Konversionstherapien sind in Deutschland nicht verboten.

Eine Konversionstherapie (auch Reparativtherapie oder Reorientierungstherapie genannt) soll durch psychologische Maßnahmen homosexuelle Neigungen »wegtherapieren«, sodass ein (vermeintlich) heterosexueller Mensch dabei herauskommt.

Als logisch denkender Mensch des 21. Jahrhunderts denkt man sich, wenn man so etwas hört, schon: »Äh? Wie bitte?«

Tatsächlich ist es so, dass Homosexualität lange Zeit als psychische Störung angesehen wurde. 1974 wurde es aber von der Liste der psychischen Störungen gestrichen und 1992 auch aus dem ICD-10-Katalog (weltweit anerkanntes Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen). Dennoch gibt es leider eine Hintertür, sodass Therapien noch immer in gewisser Weise legitim sind und sogar von den Krankenkassen bezahlt werden. Denn mit Abschaffung der Diagnose Homosexualität als Krankheit erschuf man gleichzeitig eine neue Diagnose, die sog. ichdystone Sexualorientierung. Definiert wird diese wie folgt:

»Die Geschlechtsidentität oder sexuelle Ausrichtung ist eindeutig, aber die betroffene Person hat den Wunsch, dass diese wegen begleitender psychischer oder Verhaltensstörungen anders wäre, und unterzieht sich möglicherweise einer Behandlung, um diese zu ändern.«

Zwar gibt es den ausdrücklichen Hinweis, dass die Richtung der sexuellen Orientierung selbst nicht als Störung anzusehen ist, dennoch bietet sich hiermit für die sog. Therapeuten eine Möglichkeit, ihre »Therapien« offiziell abzurechnen.

Glücklicherweise wird sich dies 2022 mit der Einführung des ICD-11-Katalogs ändern, in welchem diese Diagnose ersatzlos gestrichen wurde.

Wer nun neugierig geworden ist, wie ich dieses Thema in einem Kurzroman umgesetzt habe, kann dies ab dem 02. April 2019 tun.

Ab sofort ist das E-Book auf Amazon vorbestellbar. Ab dem 02. April wird es auch in den anderen E-Book-Shops erhältlich sein.

Vorab gibt es hier das 1. Kapitel als Leseprobe.

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Kommentare: 1
  • #1

    Bernd (Samstag, 06 April 2019 21:27)

    Die Aktion damals hat mir sehr viel bedeutet und noch immer freue ich mich sehr über die entstandenen Geschichten. Umso mehr, wenn nun eine so wunderschöne das Licht der breiten Öffentlichkeit erblickt. Trotz des schlimmen Themas ist es eine Romanze, kein Drama. Das Drama allerdings lebt in der realen Welt, das dürfen wir nie vergessen.
    Vielen lieben Dank, liebe Sitala. <3