Leseprobe »Kater sind auch nur Menschen«

 

„Nur damit wir uns richtig verstehen: Ich soll so tun, als hätte ich mich verlaufen, und dann vor der Tür von diesem Xander stranden?“ Ich fürchte, mein Cousin hat den Verstand verloren. Das ist die bescheuertste Idee, die ich je gehört habe.

Er zieht die Schultern hoch und sieht mich mit zusammengepressten Lippen aus großen Augen an. Langsam nickt er. Wir sitzen in meiner Küche, weil er mich unverhofft mit Brötchen zum Frühstück überrascht hat. Das hätte mir gleich zu denken geben sollen.

„Warum?“, frage ich, denn der Sinn dieser Aktion erschließt sich mir nicht.

„Damit er einen Grund hat, mit mir Kontakt aufzunehmen“, erklärt Martin schüchtern. „Xander liebt Tiere, vor allem Katzen. Er wird nicht zögern und sich um dich kümmern.“

„Martin, du bist fünfunddreißig Jahre alt. Kannst du ihn nicht einfach ansprechen wie jeder andere Mensch auch? Lad ihn auf 'nen Kaffee ein oder in den Streichelzoo.“

Martins Blick wird flehend. „Bitte, Elvis …“ Er weiß genau, dass ich schwach werde, wenn er mich so ansieht.

Seufzend streiche ich mir über mein Gesicht. „Nur damit ich einen besseren Eindruck davon bekomme, wie du dir das vorstellst: Ich verwandle mich in einen Kater und tue vor Xanders Haustür so, als hätte ich mich verlaufen. Er entdeckt mich und sieht an der Plakette …“ Ich deute auf das Teil, das auf dem Tisch liegt. „… die du freundlicherweise schon hast anfertigen lassen, dass ich dir gehöre. Dann bringt er mich zurück und du fällst ihm dankbar in die Arme“, fasse ich seinen abstrusen Plan zusammen. Martins Gesichtsfarbe wechselt schlagartig zu dunkelknallrot.

„So in etwa“, gesteht er leise.

„Und warum spielst du nicht selbst den entlaufenen Kater?“

„Dann wüsste er doch gar nicht, dass er zu mir kommen muss. Außerdem würde ich mich bestimmt genau im falschen Moment zurückverwandeln. Stell dir doch nur mal vor: Ich liege auf seinem Schoß, er krault mich und schwupps – liegt da ein Mensch; splitterfasernackt.“

Grinsend entstehen besagte Bilder in meinem Kopf. Das wäre tatsächlich ein Auftritt, der für immer im Gedächtnis bleibt.

Oh, ihr wundert euch vermutlich über dieses merkwürdige Gespräch. Für einen unbedarften Menschen klingt es sicher alles recht konfus. Lasst mich ein wenig Licht ins Dunkel bringen.

Also, Martin und ich sind Gestaltwandler – Katzenwandler, um genau zu sein. Ja, ich kann das Stöhnen bis hier hören. Nicht noch so eine bekloppte, unrealistische Geschichte. Schön wär’s. Mir wäre es auch lieber, es gäbe diesen Quatsch nicht. Obwohl – manchmal ist es ganz hilfreich und zudem amüsant.

Martin und ich sind also in der Lage, uns in Katzen zu verwandeln. In unserer Familie sind wir die beiden Einzigen, denn zum einen erfolgt die Genweitergabe rezessiv und zum anderen sind nur männliche Träger davon „betroffen“.

Entgegen zahlreicher Überlieferungen sind wir nicht in Rudeln oder Clans organisiert. Wir sind wie wir sind. Andere Menschen haben andere Talente. Nehmt die Gummimenschen als Beispiel oder welche, die problemlos Glasscherben essen können. Wir haben die Fähigkeit, die Gestalt einer anderen Spezies anzunehmen. Also reichlich unspektakulär.

Gut, meist erntet man ungläubige Blicke, wenn man jemandem davon erzählt. Führt man es ihnen dann vor, glauben sie entweder an einen Zaubertrick oder meinen, den Verstand verloren zu haben oder dass man sie unter Drogen gesetzt hat.

Doch selbst, wenn sie die Tatsachen schließlich akzeptieren, habe ich bisher keinen Menschen getroffen, der damit umgehen kann. Bei meinem Exfreund Lutz war ich mir zum Beispiel sehr sicher, dass es für ihn kein Problem darstellt. Doch der Aufstand, den er betrieben hat, war an Theatralik kaum zu übertreffen. Ständig verlangte er, ich solle mich nicht mehr verwandeln. Als Grund schob er seine Katzenhaarallergie vor. Mehr als einmal versuchte ich ihm zu erklären, dass er sich keine Sorgen machen müsse, weil sowohl meine Haare als auch der Speichel, auf welchen Allergiker viel häufiger reagieren, selbst in meiner Katzenform menschlich bleiben. Doch es half alles nichts. Wenn ich dich noch einmal als Katze erwische, gehe ich, drohte er eines Tages. Doch ich lasse mir nichts vorschreiben. Außerdem streunere ich für mein Leben gern als Kater herum. Es gehört zu mir. So wie andere mit Vorliebe singen oder stricken, bin ich manchmal gerne ein Vierbeiner. Dabei liebe ich es, mich an meine Partner zu kuscheln und sie in den Schlaf zu schnurren.

Dennoch hatte ich es Lutz zuliebe tatsächlich eine Zeit lang versucht zu unterdrücken. Schließlich habe ich ihn geliebt. Aber gegen meine Natur komme ich nicht an und eines Tages entdeckte er mich. Er machte seine Warnung wahr und hatte bereits den Großteil seiner Klamotten gepackt, bevor ich wieder zu Hause war. Martin meint, Lutz hätte mich nie richtig geliebt, sonst hätte er mich akzeptiert wie ich bin. Möglich. Verringerte den Schmerz des Verlustes dennoch nicht. Zumal er nicht der Erste war, der so reagiert hat.

Daher beschloss ich, ab sofort auf Beziehungen zu verzichten. Kuscheln kann ich auch mit Martin und für die anderen Bedürfnisse gibt es genug Clubs mit Darkrooms in der Stadt.

Und obwohl Martin von all diesen Problemen weiß, hat er sich in den Kopf gesetzt, diese Nummer durchzuziehen.

Kennengelernt – oder sollte ich sagen: angehimmelt-gelernt? – hat Martin diesen Xander beim Sport seiner Schwester. Zwei Mal pro Woche spielt Paula Tischtennis. Xander ist ihr Trainer und Martin fährt seine Schwester ab und an zu Auswärtsspielen, da sie selbst kein Auto besitzt. Seit er Xander entdeckt hat, wird Paula zusätzlich von ihm von ihren Trainingsstunden abgeholt.

Durch seine Schwester weiß Martin auch von Xanders Vorliebe für Stubentiger.

Noch immer starrt mich mein Cousin an und kaut dabei auf seiner Unterlippe herum.

„Ich wasche und bügle ein halbes Jahr lang deine Wäsche“, bietet er an. Ich beiße mir auf die Zunge, in der Hoffnung, das verräterische Zucken meines Mundwinkels auf diese Weise zu unterdrücken, denn so verrückt die Idee auch ist, er hatte mich bereits beim ersten herzerweichenden Blick. „Und einmal Fensterputzen lege ich noch oben drauf.“

„Na gut“, gebe ich seufzend in einem gespielt gönnerhaften Tonfall von mir. „Wenn es dir so viel bedeutet …“

„Ja!“ Martin reißt die Arme in die Höhe, springt auf und umarmt mich lachend. „Danke! Danke! Danke!“

Ich ächze. „Wenn du mich weiter so drückst, hast du keinen mehr, der dir helfen kann.“

Grinsend lässt er mich los. „Du wirst es nicht bereuen.“

Hastig setzt er sich wieder. „Lass uns gleich mal schauen, wann es passt.“

Ich zucke mit den Schultern. „Wann immer du möchtest.“ Je schneller, desto besser. Ich bin selbstständig als Übersetzer und Dolmetscher tätig. Daher kann ich mir meine Zeit ein wenig einteilen. „Meine nächste Deadline ist erst in zehn Tagen“, erkläre ich nach einem kurzen Blick in meinen Kalender. „Wie wäre es mit heute?“

Martin zieht überrascht Luft ein. „Heute schon?“

„Klar, bin heute eh in Katzenlaune.“

„O… Okay.“ Martin streicht sich nervös durch die Haare und holt sein Handy hervor. „Hier, das ist die Adresse und ein Bild von ihm. In etwa einer Stunde müsste er Feierabend haben und nach Hause fahren.“

Ich schaue kurz drauf und nicke. Der Typ kommt mir vage bekannt vor. Vermutlich von dem Spiel, zu dem ich Paula letztes Jahr begleitet habe. „Gut, dann legen wir mal los.“

Schnell streife ich meine Klamotten ab und zwinkere Martin noch einmal zu, bevor ich als Vierbeiner vor ihm stehe. Seufzend kniet er sich hin. „Du bist ein viel hübscherer Kater als ich. Ich wünschte, ich wäre auch so pechschwarz und keine gewöhnlich getigerte Katze, die einfach nur normal aussieht.“

Schnurrend stupse ich sein Knie mit dem Kopf an. Natürlich höre ich gerne Lob über mein Aussehen, egal ob als Mensch oder Kater. Dennoch werde ich nicht selten auch als Unglücksbringer angesehen. Als hätte eine Fellfarbe irgendwelche schicksalsbeeinflussenden Kräfte.

 

 

Vielleicht hätten wir das Ganze zu einer wärmeren Jahreszeit durchziehen sollen. Seit beinahe einer Stunde sitze ich hier herum und friere mir wahrsten Sinne des Wortes den Hintern ab. Wenn dieser Xander nicht bald auftaucht, kann sich Martin eine noch viel größere Wiedergutmachung einfallen lassen.

Endlich höre ich Schritte auf dem Gehweg. Ich blicke durch die kahle Hecke. Ja, das müsste er sein. Als er auf den Weg zur Haustür abbiegt, springe ich ihm regelrecht vor die Füße, sodass er Mühe hat, nicht hinzufallen.

„Huch, wer bist du denn?“, fragt er überrascht und lächelt mich an.

„Miau?“, gebe ich von mir, schaue ihn an und umschmuse seine Beine.

Xander stellt seine Einkaufstüten ab und hockt sich hin. Schnurrend gebe ich mein Können zum Besten, maunze und stupse ihn immer wieder an.

„Du bist ja ein Hübscher.“ Er krault mich hinter meinem Ohr und ich strecke meinen Kopf. Wow, der weiß, was ein Kater mag. „Bist du neu in der Nachbarschaft?“, fragt er mich. „Ich hab dich hier noch nie gesehen.“ Seufzend steht er auf und tätschelt mir noch einmal über den Kopf. „Pass bloß auf, dass du nicht den falschen Leuten über den Weg läufst und achte auf die Autos“, rät er mir, schließt die Tür auf und verschwindet im Inneren des Hauses.

Moment, so war das nicht geplant. Kurz bevor die Haustür zufällt, schlüpfe ich in den Flur.

Toller Plan, Martin. Dein Xander denkt, ich wohne hier in der Nähe. Im zweiten Stock öffnet er eine Tür und tritt mit hängendem Kopf ein. Glücklich sieht der ja nicht aus.

Nach etwa fünf Minuten setze ich mich auf seine Fußmatte, auf der eine Katze und der Schriftzug Vorsicht vor der Katze zu sehen sind. Ich lausche und schnüffle am unteren Türspalt. Nein, hier lebt kein weiterer Vierbeiner. Okay, dann wollen wir doch mal ein wenig Aufmerksamkeit erzeugen.

„Miau!“ Ich bin extra laut, damit er mich hört und versuche zudem kläglich zu klingen. Minutenlang passiert nichts. Dann streckt eine ältere Dame aus der Wohnung gegenüber den Kopf heraus und sieht mich strafend an.

„Na, wie schön. Hat der sich wieder ein neues Vieh zugelegt? Und laut ist es auch noch.“ Entschlossen kommt sie auf mich zu. Instinktiv weiche ich ein Stück zurück und beobachte sie genau. Energisch legt sie den Finger auf die Klingel und lässt erst los, als Xander die Tür von innen öffnet.

„Frau Wagner, was …?“ Ich nutze die Chance und flitze in die Wohnung. „Huch!“ Hinter ihm bleibe ich stehen und schaue an seinen Beinen vorbei ins Treppenhaus.

„Herr Seidel. Wenn Sie sich schon eine neue Katze anschaffen, dann passen Sie doch bitte auf, dass die nicht wieder in der Gegend herumläuft. Kein Wunder, dass die alte überfahren wurde.“

„Aber das ist nicht …“

„Außerdem macht das Vieh einen Lärm – das ist ja nicht auszuhalten“, unterbricht sie ihn, ohne auf ihn einzugehen. Bevor Xander antworten kann, dreht sich die Nachbarin um und verschwindet wieder in ihrer Wohnung.

Kopfschüttelnd schließt Xander die Tür und sieht dann auf mich herab. „Was machst du denn hier, hm? Solltest du nicht nach Hause laufen?“

„Miau.“ Ich drehe mich um und stolziere katerlike durch seine Wohnung. Hübsch ist es hier. Im Wohnzimmer steht sogar ein deckenhoher Kratzbaum. Ich bleibe stehen und sehe Xander an. „Miau?“

Lächelnd kommt er auf mich zu. „Ja, der gehörte Carlo.“ Xander schluckt und wirkt mit einem Mal sehr traurig. „Er wurde angefahren“, flüstert er. „Wenn derjenige ihn gleich zu einem Tierarzt gebracht hätte, hätte er noch eine Chance gehabt, aber so …“ Kopfschüttelnd unterbricht er sich selbst und seufzt. „Hast du Hunger?“, fragt er mich und ringt sich ein Lächeln ab.

„Miau“, antworte ich und schmuse an seinem Bein.

„Gut, ich müsste hier noch irgendwo ein paar Dosen Katzenfutter haben.“

Ürgs. Ne, da kann Martin mir anbieten, was er möchte. Diesen Fraß bekomme ich nicht herunter. Ich bin und bleibe nun mal ein Mensch. Meine Versuche, ihn davon abzuhalten, eine Schüssel mit dem stinkenden Matschhaufen zu füllen, fruchten nicht. Vielmehr denkt er wohl, ich wolle ihn animieren sich zu beeilen.

Lachend stellt er mir die Schale hin. Ich schnüffle einmal daran und drehe mich angewidert weg.

„Oje. Da ist wohl einer mäkelig, was?“ Na, ich möchte mal sehen, dass du den Kram isst, Witzbold.

„Hm, ansonsten kann ich dir nur eine Schale laktosefreie Milch anbieten“, sinniert er, während er in den Kühlschrank schaut. Er sieht mich an. „Magst du Milch?“ Als wüsste er, dass ich ihn verstehe, holt er die Packung heraus und zeigt sie mir. Nun, besser als gar nichts. Ich maunze kurz und warte.

Als er die Schale abstellt, gehe ich gemächlich darauf zu und schlabbere die Milch auf. Xander beobachtet mich und lächelt. „So, und jetzt wollen wir doch mal schauen, ob wir herausfinden, wo du hingehörst.“

Er hockt sich neben mich und besieht sich die Plakette an meinem Halsband.

„Elvis“, liest er und lächelt. „Das ist ein schöner Name.“

Danke, finde ich auch, weshalb ich meinen Kopf an seine Hand kuschle.

„Ich gehöre Martin“, liest er weiter vor. Gehören – von wegen. „Ah, da ist sogar eine Handynummer angegeben. Wollen wir doch mal schauen, ob dein Herrchen dich bereits vermisst.“

Xander geht ins Wohnzimmer und ich folge ihm wie selbstverständlich. Kaum sitzt er, mache ich es mir auf seinem Schoß bequem. Schließlich will ich ja auch etwas von diesem Deal haben.

„Du machst es mir nicht leicht.“ Wieder krault er mich hinter den Ohren. Meine Lieblingsstelle. Genießerisch schließe ich die Augen, schnurre und schmiege mich an ihn. „Okay, es ist ja schon spät. Was hältst du davon, wenn ich erst morgen früh bei diesem Martin anrufe? Dann müssen wir beide nicht mehr in die Kälte heute.“

Oh, das hört sich sehr gut an. Ich rolle mich ein und lege eine Pfote auf seinen kraulenden Arm. Xander lacht leise. „Ich nehme das mal als Einverständnis.“


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