Leseprobe: »Wem du vertraust«

Kopfschüttelnd betrachte ich den verwüsteten Vorgarten. Wozu mache ich mir eigentlich immer wieder die Arbeit, den Garten hübsch zu bepflanzen und zu pflegen? Denn weder mein Bruder noch seine Gäste scheinen daran Gefallen zu finden. Stattdessen liegen leere Flaschen, Becher und sonstiger Müll zwischen den zertrampelten Rosen und Margeritensträuchern. Was ist denn das da? Eine Unterhose?

Mit spitzen Fingern hebe ich das Teil auf. Okay, ›Unterhose‹ ist definitiv zu viel gesagt. Das Ding besteht lediglich aus ein paar Bändern. »Wuäh!« Ich schleudere das Teil zurück in Anatols Bereich des Vorgartens. Kann sich mein Bruder gefälligst selbst drum kümmern!

»Na, unliebsame Überraschungen?« Die Stimme meines Nachbarn hinter mir lässt mich heftig zusammenzucken. Ich drehe mich zu ihm um und werde augenblicklich knallrot. Nicht, weil Kilian so heiß aussieht, wie er es tut, sondern schlicht aus dem Grund, dass ich immer rot werde, sobald mich jemand anspricht. Man sollte meinen, ein Mann Mitte dreißig hat es allmählich gelernt, seine Scheu vor anderen Menschen abzulegen. Nun, habe ich nicht und ich gebe zu, ich arbeite auch nicht aktiv daran.

Mein Ex hatte gemeint, das sei nicht normal und mich zu ’nem Psychoheini geschleppt. Das Ergebnis: Ich weiß jetzt, dass ich unter einer sogenannten ›sozialen Phobie‹ leide. Doch nur, weil das Kind einen Namen hat, geht es mir nicht besser. Dass ich eine Therapie kategorisch abgelehnt habe, mag dazu beitragen. Aber allein die Vorstellung, zu einem völlig Fremden zu gehen und mich ihm anzuvertrauen, löst bereits eine mittelschwere Panikattacke aus. Unbekannte Situationen, am besten noch vereint mit einer Ansammlung von vielen Personen, bereiten mir nun einmal Angst.

In meiner Kindheit und Jugend hatte ich häufig keine Wahl: Ich musste schließlich zur Schule und das Tischtennisspielen im Sportverein war eine Art Zwangsauflage meiner Eltern. Später erklärten sie mir, dass sie gehofft hatten, mich auf diese Weise ›sozialkompatibel‹ zu machen. Hat ja hervorragend funktioniert …

 

Passenderweise arbeite ich von zu Hause aus. Zusammen mit meinem drei Jahre jüngeren Bruder betreibe ich einen Internethandel für Tierbedarf, der mittlerweile akzeptabel läuft. Wir können uns nicht beschweren.

Das Meiste kann per Mail organisiert werden. Das ist mein Part. Alles andere übernimmt Anatol. Der ist der geborene Charmeur, wickelt jeden Geschäftspartner um den Finger. Egal, ob männlich oder weiblich. Dabei steht er, im Gegensatz zu mir, nicht auf Kerle. Nein, Anatol bevorzugt Frauen. Am besten dumm, willig und große Titten. Hört sich abfällig an? Entschuldigt, ich zitiere bloß meinen Bruder.

Beinahe wöchentlich finden in seinem Teil des Hauses Sauf- und Bums-Partys statt. Denn anders kann man es nicht bezeichnen. Wir bewohnen je eine Hälfte eines Doppelhauses, das wir von unseren Großeltern geerbt haben. Realistisch betrachtet ist es viel zu groß für uns. Doch wenn man erst einmal in den Genuss dieses Luxus gekommen ist, will man den Platz nicht mehr hergeben.

Während ich die Ruhe in meinem Teil zu schätzen weiß, braucht Anatol ständig Leute um sich herum. So wie gestern Abend mal wieder, wovon man die Überreste nun in unserem Garten bewundern kann.

Schon mehrfach versuchte Anatol mich zu überreden, ebenfalls herüberzukommen. ›Nur für ein paar Minuten.‹ Doch ich habe immer dankend abgelehnt. Auch sein Vorschlag, extra für mich ein paar ›schnuckelige Kerle‹ einzuladen, konnte mich bisher nicht überzeugen. Ich fühle mich ja häufig bereits eingeengt, wenn ich mit einer einzelnen Person alleine in einem Raum bin. Wie soll ich es da mit einem ganzen Haufen Menschen aushalten? Einem Haufen fremder Menschen, wohlgemerkt.

 

Kilian sieht mich noch immer lächelnd an. Ich schätze meinen Nachbarn auf Anfang vierzig, den feinen Lachfältchen an seinen Augen nach zu urteilen. Dabei ist er deutlich durchtrainierter als manch Zwanzigjähriger. Seine dunklen, dicken Haare wirken stets ein wenig unordentlich, wie sie wellig in verschiedene Richtungen abstehen und zu lang für eine Kurzhaarfrisur und zu kurz für eine Langhaarfrisur sind. Seine dunklen Augen strahlen mich jeden Morgen an und lösen eine kribbelige Wärme in meiner Bauchgegend aus, die sich regelmäßig zusammen mit der Röte in meinem Körper ausbreitet. Dieses Strahlen ist es, das ich vor meinem geistigen Auge sehe - immer dann, wenn ich mir einen runterhole. Ja, ich bin verzweifelt.

 

Auch wenn ich ein großer Verfechter des digitalen Zeitalters bin - schließlich kann man auf diese Weise gut mit Menschen in Kontakt treten, ohne ihnen nahekommen zu müssen - bin ich bei der Lektüre meiner Tageszeitung eher old fashioned. Diese lasse ich mir täglich liefern. Der junge Typ, der sie bringt, ein Student, bekommt dafür von mir regelmäßig ein zusätzliches Trinkgeld. Denn er ist sehr umsichtig. Wenn es regnet, wirft er die Zeitung nicht wie andere einfach auf die nasse Fußmatte. Nein, er macht sich die Mühe und geht extra bis zum Briefkasten an der Seite, um sie trocken zu verstauen.

Jeden Morgen, wenn ich die Zeitung hereinhole, kommt Kilian ebenfalls aus seinem Haus. Dabei ist es egal, ob ich um sieben, um acht oder erst mittags nach der Zeitung sehe. Jedes einzelne Mal tritt auch Kilian zufällig aus seiner Haustür. Ein Umstand, an den ich mich zwar inzwischen gewöhnt habe, der mich dadurch aber nicht minder beunruhigt. Überhaupt ist mir der Kerl suspekt: Noch nie habe ich ihn in kurzen Klamotten herumlaufen sehen. Selbst heute, wo wir schon früh über dreißig Grad im Schatten haben, trägt er eine lange, schwarze Jeans und ein langärmliges, ebenfalls schwarzes Hemd und ich schwitze bereits in meiner Boxershorts und dem alten T-Shirt.

»War wohl wieder eine etwas ausschweifendere Party, was?«, fragt Kilian amüsiert. Ich zucke nur mit den Schultern und schaue nach unten auf meine nackten Füße. Vermutlich denkt er, ich habe ordentlich mitgefeiert. Wäre ja eigentlich auch logisch.

»Okay, ich will dich auch gar nicht aufhalten. Ich wünsche dir einen wunderschönen Tag!«

»Gleichfalls«, nuschle ich leise.

Ja, Kilian könnte mir durchaus gefallen. Oder er tut es, keine Frage. Schließlich habe ich Augen im Kopf. Aber ein Kerl wie er ist sicher nicht schwul und selbst wenn, würde ich nie im Leben den ersten Schritt wagen. Und wenn ich mich so zurückhaltend und abweisend verhalte, wollen die meisten mich sowieso nicht näher kennenlernen. Der typische Teufelskreis.


Dir hat die Leseprobe gefallen?

Die Anthologie »Herbst, Handicap und heiße Herzen« (mit dieser sowie vielen weiteren Kurzgeschichten diverser anderer Autoren) ist als Taschenbuch und E-Book bei Amazon und vielen anderen E-Book-Stores erhältlich.