Leseprobe: »Gratwanderung - Richtung Liebe«

1

Jacques

 

Na, das ist ja mal eine Sahneschnitte nach meinem Geschmack: Groß, breitschultrig und genau die richtige Menge Muskeln unter dem engen, schwarzen Shirt. Ich stehe auf dunkelhaarige Typen, obwohl seine Haare beinahe schon zu kurz sind; erinnert etwas an eine Bundeswehr-Einheitsfrisur. Gerne würde ich einen Blick auf sein Gesicht erhaschen, doch Monsieur Traumkörper zieht es vor, in sein Bier zu starren. Weshalb geht er denn in einen Club, wenn er keinen Wert auf Interaktion legt? Vielleicht nervt ihn auch nur der Typ, der ihn die ganze Zeit zuquatscht. Wäre ich heute nur zu meinem eigenen Vergnügen hier, würde ich ihm liebend gern zur Rettung eilen.

Seufzend wende ich mich wieder Marius zu. Schließlich bin ich nicht hier, um einen Kerl abzuschleppen, sondern um meinen Freund auf andere Gedanken zu bringen. Der hat nämlich vor ein paar Tagen wiederum seinen – festen – Freund in flagranti erwischt. Tja, so ist das, wenn man monogame Beziehungen eingeht. Man wird automatisch enttäuscht; früher oder später. Einer der Gründe, weshalb ich rein gar nichts von diesem Konzept halte. Warum soll man sich auf einen Einzigen festlegen, wenn es doch so viel Auswahl gibt? Wie zum Beispiel den da drüben.

Erneut schaue ich in seine Richtung und grinse gleich darauf über mich selbst. Hier gibt es so viele Typen, die mich regelrecht ansabbern, und auf welchen springe ich an? Natürlich auf den, der am schwierigsten zu bekommen zu sein scheint. Andererseits versprechen diese doch meist den größten Faktor an Spaß und Aufregung.

Ich atme tief durch und besinne mich auf meine Aufgabe. »Na, komm. Lass uns tanzen«, versuche ich zum wiederholten Mal Marius zu ermuntern. Schließlich ist dies doch der Hauptgrund für einen Clubbesuch, abgesehen vom Dunkelkammersport. Ich ziehe an Marius’ Arm, doch er lächelt nur schwach und schüttelt entschuldigend den Kopf. »Ne, danke. Lass mal. Ich gehe besser wieder. War keine gute Idee.«

Zwar verstehe ich nichts von Beziehungen, dennoch kenne ich Schmerz. Dass mein bester Freund leidet, geht auch mir nahe. Den Arm um seine Hüfte gelegt, ziehe ich ihn an mich heran und küsse sanft seine Schläfe. »Ach, chéri. Das ist doch keine Lösung. Vergiss den Idioten. Such dir ’nen schnuckeligen Kerl.«

Kaum sind die Worte draußen, erkenne ich, dass es genau die falschen waren. Marius schließt die Augen, presst die Lippen aufeinander und schüttelt den Kopf. Noch einmal ziehe ich ihn an mich und bin kurz überrascht, als er sich gegen mich fallen lässt. Sein schweißnasses Haar kitzelt meine Nase. Hier drin herrschen gefühlte vierzig Grad. Was zwar den Vorteil hat, dass viele textilarm herumlaufen, doch gleichzeitig sieht man Dinge, die man nicht sehen will. Von Gerüchen, die man nicht wahrnehmen möchte, mal ganz abgesehen.

»Hat dir ganz schön zugesetzt, was?« Ich spüre ihn schwach nicken. So habe ich Marius noch nie erlebt. »Chéri …« Nur wenige Zentimeter schiebe ich ihn von mir und warte, bis er ohne meine Unterstützung steht. Ich beuge mich vor und gebe ihm einen kurzen, freundschaftlichen Kuss. »Du weißt doch, dass ich ihn momentan beruflich beurteilen muss. Soll ich ein wenig Rache üben?« Vielsagend lasse ich die Augenbrauen zucken. Ein mieser Versuch, die Stimmung aufzulockern.

»Was? Nein, bitte nicht. Bleib professionell.« Sein schockierter Gesichtsausdruck verrät, dass er noch lange nicht so weit über diesen Mistkerl hinweg ist, wie er mich noch vor ein paar Stunden glauben machen wollte.

Da ich weiß, dass jedes Wort, das ich in diesem Moment über besagten Kerl sagen würde, falsch ankäme, versuche ich es auf andere Weise. »Na gut. Soll ich dich dann vielleicht auf andere Gedanken bringen?« Ich blinzle ihn an, obwohl das sicher unnötig ist. Wir kennen uns lange genug.

»Danke, Jacques. Ist nett, aber ich bin nicht in Stimmung.« Dennoch schließt er die Augen und lehnt sich genießerisch in meine Hand, die seine Wange streichelt. Das Lied im Hintergrund wechselt und harte Beats dröhnen auf einmal durch den Raum.

Ich beuge mich vor, um direkt in Marius’ Ohr zu sprechen. »Lass das mal meine Sorge sein.«

Ganz kurz lacht er auf. Na, immerhin. »Nein, ich gehe nach Hause. Bleib du ruhig hier.« Als hätte er Mühe, mich auf Abstand zu halten, legt er seine flache Hand gegen meinen Oberkörper. Mir gefällt die Vorstellung nicht, dass er sich verkriecht. Andererseits kenne ich Situationen, in denen man schlichtweg seine Ruhe haben will, ebenfalls.

»Sicher?«, frage ich dennoch.

Er nickt.

»Ich kann auch mitkommen. Wir bestellen uns eine Pizza und schauen irgendwelchen Schrott im Fernsehen an.« Marius verzieht das Gesicht und bringt mich damit zum Lachen. »Okay, aber bau keinen Mist, verstanden? Du kannst mich jederzeit anrufen.«

»Weiß ich doch. Danke, Jacques.«

Mit einem flüchtigen Kuss auf meine Wange verabschiedet er sich. Ich schaue ihm hinterher, als er aus dem Club verschwindet. Er tut mir wirklich leid. Es hatte ihn richtig erwischt. Er war so glücklich und ich hätte schwören können, dass dieser Falk ebenfalls bis über beide Ohren in ihn verliebt ist. So täuscht man sich.

Gut, dann werde ich doch mein Glück bei der Sahneschnitte versuchen.

Gemütlich schlendere ich zu ihm hinüber. Die Hüfte seitlich gegen die Bar gelehnt, welche definitiv schon bessere Zeiten gesehen hat, stelle ich mich neben ihn und warte gar nicht erst darauf, dass er hochsieht. Stattdessen ziehe ich gleich alle Register und passe einen ruhigen Moment in der Musik ab.

»’allo. Isch bin Jacques.«

Als Sohn einer Deutschen und eines Franzosen spreche ich beide Sprachen zwar fließend und akzentfrei, aber den lieben Vorurteilen zum Dank wird Franzosen ja gerne besondere Leidenschaft nachgesagt, was ich zugegebenermaßen ohne schlechtes Gewissen ausnutze. Zumal sich zumindest in den letzten Jahren niemand wegen meiner Fähigkeiten beschwert hat.

Die Sahneschnitte hebt minimal den Kopf, mustert mich von der Seite und starrt wieder in sein Getränk. Ich freue mich, den richtigen Riecher gehabt zu haben, denn auch das Gesicht steht seinem Körper in nichts nach. Doch offenbar muss ich den wohl noch mehr aus der Reserve locken. »Und ’ast du auch einen Namen?«

»Kein Interesse«, erklärt er abweisend, ohne mich anzusehen. Ich bin versucht, etwas zu erwidern wie Das ist aber ein seltsamer Name. Stattdessen dränge ich mich an seine Seite. Ein Duft schwebt zu mir herüber. Ist er das? Merde, riecht der gut. Dabei bin ich meist weniger auf diese Reize fokussiert. Dennoch ist da etwas, ich kann es schwer beschreiben. Rau, männlich, der klassische Beschützertyp. Ich will ihn. So viel steht fest. Mein Zeigefinger streicht von seiner Schulter über den Bizeps. Mon dieu! Was für Muskeln! Allein die Vorstellung, wie der Rest dieses Körpers aussehen mag, lässt meinen Schwanz erwachen.

»Sischer?«, frage ich weiterhin näselnd, jetzt ganz dicht an seinem Ohr. Hier ist sein Geruch noch stärker und ich habe Mühe, mich davon abzuhalten, ihn abzulecken. »Du ’ast ja noch gar nischt rischtig geschaut.«

Blitzschnell packt er mein Handgelenk. Ich zucke zusammen und gehe instinktiv einen Schritt zurück. Meine Muskeln spannen sich an. Sein Blick schreit Konfrontation, dennoch fühle ich mich nicht ernsthaft bedroht. Irgendetwas sagt mir, dass sein Groll nicht mir gilt. Mir imponiert, dass er selbst im Sitzen eine solche Autorität ausstrahlen kann.

»Auch wenn du Franzose bist, verstehst du doch sicher diese Worte: Kein Interesse! Ich stehe nicht auf Tunten.« Seine Stimme klingt kalt und abweisend. Mit einem verächtlichen Geräusch lässt er meine Hand los. Als wäre ich dadurch gleichzeitig aus dem Club verschwunden, dreht er sich wieder weg und beginnt offenbar von Neuem die Bläschen im Bierschaum zu zählen.

Mein Lächeln fühlt sich nun künstlich an und sieht bestimmt auch so aus. Ich widerstehe der Versuchung, über mein eng anliegendes, glänzendes, neonoranges Shirt zu streichen. Es passt perfekt zu meinem Teint und stellt eines meiner Lieblingskleidungsstücke dar. Und nur weil ich gerne meine Augen mit Mascara und einem dünnen Lidstrich betone, um dessen Präzision mich viele Frauen beneiden, bin ich noch lange kein Mann zweiter Klasse.

»Aber du stehst doch sischer auf Schwänze.« Natürlich habe ich mittlerweile erkannt, dass meine Versuche nicht fruchten. Doch ich habe vor, dieses Spielfeld mit erhobenem Haupt zu verlassen. »Glaub mir, isch ’abe da einiges zu bieten.« Bevor er reagiert, packe ich seine Hand und lege sie auf meinen Schritt. Ganz kurz wandert seine Augenbraue anerkennend nach oben, doch dann verfinstert sich sein Blick erneut.

»Such dir wen anderes zum Spielen.« Sein Bier stehen lassend steht er auf und verschwindet. Meine Güte! Dem ist definitiv nicht mehr zu helfen.

»Mach dir nichts draus«, höre ich jemanden hinter mir. »Der ist schon seit Wochen mies drauf. An den kommt grad niemand ran.«

Hm, der ist jetzt mal keine üble Alternative. Ebenfalls sehr groß – locker eineinhalb Köpfe größer als ich, was zugegebenermaßen nicht allzu schwer ist – und noch um einiges breiter als der andere eben. Einziges Manko: Er ist blond. Ich stehe nicht auf Blonde. Aber hey, im Darkroom ist es bekanntlich dunkel und ansonsten sieht der echt heiß aus.

»Ich bin Ulf.« Er streckt mir seine Hand entgegen. Oh, sehr höflich. So etwas mag ich.

»Jacques«, erwidere ich lächelnd, halte seine Hand absichtlich zu lange fest. »Du kenns’ den Typen?« Ich trete näher an ihn heran, wobei ich den Kopf in den Nacken legen muss. Ulf leckt sich in einer nervösen Geste über die Lippen. Ha, den habe ich an der Angel. Sehr schön. Wie nebenbei streiche ich mit dem Daumen über seinen Handrücken, wodurch er bemerkt, dass wir uns immer noch festhalten. Hektisch entzieht er mir seine Hand. Mon dieu, ist der niedlich.

»Ja, er ist mein bester Freund. Und normalerweise sind solche Läden nichts für mich, aber ich versuche auf ihn aufzupassen.« Ist ja sehr ehrenhaft, aber ganz ehrlich? Ich bin nicht hier, um mir irgendwelche Lebensgeschichten anzuhören; seien sie auch noch so spannend oder dramatisch.

Mit schief gelegtem Kopf lächle ich ihn an. »Das ’eißt, du ’ast kein Interesse?« Auffordernd lasse ich meinen Blick an ihm entlangwandern und lecke mir über die Lippen. Ein leichtes Zittern durchfährt ihn und er streicht sich mehrfach durch die Haare.

»Ähm, na ja, ich bin eigentlich nicht so der Typ für eine schnelle Nummer.«

Mühevoll verbeiße ich mir das Grinsen und bedeute ihm mit einem Fingerzeig, sich herunterzubeugen. »Wir können auch eine lange Nummer draus machen, wenn du möchtest«, raune ich in sein Ohr. Zwar höre ich sein Luftschnappen nicht, aber ich sehe die Bewegung seiner Lippen. Das reicht mir als Zustimmung. Ich dränge mich noch dichter an ihn, presse meinen halb erigierten Schwanz gegen seine Hüfte. »Isch bin sehr standhaft«, stelle ich ihm in Aussicht.

Er zuckt minimal zurück und mustert mich mit hilflosem Blick. »Aber ich mag es nicht im Darkroom.«

»Isch wohne nicht weit weg von ’ier«, unterbreche ich ihn, streiche anerkennend über seinen Oberarm. Er schluckt, taxiert mich ein weiteres Mal und fährt sich erneut mit zittrigen Fingern durch die Haare.

»Oh, okay. Warte nur einen Moment, bitte.«

»Bien sûr.« Mit dem Rücken gegen die Theke gelehnt beobachte ich lächelnd, wie er zu besagtem Sahneschnittenfreund geht. Ich glaube ihm, dass er nicht häufig in solchen Lokalitäten unterwegs ist, so unsicher, wie er herumläuft. Die zahlreichen anerkennenden und interessierten Blicke scheint er überhaupt nicht zu registrieren. Umso besser.

Die beiden reden kurz miteinander, dann deutet Ulf zu mir. Die mürrische Sahneschnitte reißt die Augen auf und grinst schließlich, bevor er Ulf auf die Schulter klopft. Offenbar wünscht er ihm viel Spaß. Ja, den wird er haben.

2

Lars

 

Ich möchte jetzt nicht behaupten, dass dieser Tag der schlimmste meines Lebens ist. Diesen Rang kann und will ich ihm nicht zugestehen. Aber in Summe gesehen rangiert er definitiv auf den ersten zehn Plätzen; wenn nicht sogar auf den ersten fünf.
Dies mag übertrieben dramatisiert klingen, doch heute scheint mein Leben zu einer Slapstick-Hommage zu verkommen.
Ich stehe am Fahrradständer vor meinem Fahrrad nach einer 24-Stundenschicht, welche eher 26 Stunden gedauert hat; kein ungewöhnlicher Umstand. Wie vielerorts in Deutschland sind wir hier bei uns im Krankenhaus derart unterbesetzt, dass ich regelmäßig Zeit an meinen regulären Dienst anhänge, um alles Liegengebliebene zu erledigen.
Natürlich ist das noch kein Grund, diesen Tag zu verfluchen. Doch die drei Geburten in der letzten Nacht hatten es in sich. Ein Kind überlebte leider nicht und bei einem zweiten steht es nach wie vor auf der Kippe. Und dieser Drachen von Oberschwester, Ruthilde, trägt mit ihrer wenig charmanten Art grundsätzlich nicht zu gehobener Stimmung bei. Weder bei mir noch bei den Patientinnen. »Hör’n Se uff zu schreien. Das hält ja kein Mensch aus!« Dies ist noch einer ihrer freundlichen Ausdrücke. Tja, Anschwärzen beim Chef ist in diesem Fall nicht angesagt, weil besagte Frau dessen Schwiegermutter ist.
Zudem hat er mich ohnehin auf dem Kieker. Annäherungen intimer Art innerhalb des Personals – und dann auch noch zwischen zwei Männern – sieht er überhaupt nicht gern. Dabei war Adrian nicht einmal auf meiner Station tätig gewesen. Aber gut, das Thema hat sich bereits vor einem Vierteljahr erledigt. Denn der Tag, an dem er mich verlassen hat, der kämpft tatsächlich ganz stark um den ersten Platz, wenn es darum geht, der beschissenste meines Lebens zu sein. Nicht nur, weil er mich verlassen hat, sondern auch, weil ich an dem Tag erfahren habe, dass ich mich womöglich mit HIV angesteckt habe. Nicht heroisch bei der Arbeit, sondern zugedröhnt beim latexfreien Ficken mit Kerlen, die ich bis dato kaum kannte und auch nicht kennen will. Etwas, das ich normalerweise nie tue. Immer safe. Außer mit Adrian. Selbst mit meinem anderen Freund, Marius, gab es immer nur Gummis.
Tja, aber es war einer dieser Abende, an dem Adrian und ich uns mal wieder über Nichtigkeiten gestritten haben. Ich ging aus, trank zu viel und warf mir irgend so eine Pille ein, die mir irgendwer zusteckte. Meine Erinnerungen an diesen Abend bestehen nur noch schemenhaft, aber ich weiß noch, dass es richtig geil war. Gut, der Kater danach und die Panik, als ich einen der Beteiligten eine Woche später zufällig beim Einkaufen traf, waren mehr als ernüchternd.
»Sag mal, du bist ja ganz schön abgestürzt, was?«, hatte der grinsend gefragt.
»Wieso? Soweit ich mich erinnern kann, warst du recht angetan von mir.« Der Typ arbeitet in dem Supermarkt, in dem ich häufiger einkaufe. Bisher war er mir kaum aufgefallen und bei Licht betrachtet entspricht er absolut nicht meinem Beuteschema. Was Drogen doch alles bewirken.
»Ich will mich ja auch gar nicht beschweren, aber nächstes Mal bitte wieder mit Gummi. Ist ja nicht so, dass wir was hätten, aber ist sicher besser.« Dieser Satz haute mich beinahe um. Erst dachte ich, er macht einen Scherz, aber es war sein Ernst. Ich hatte ohne Kondom gefickt? Ach du Scheiße! Warum sagte denn keiner was? Sofort begann eine unaufhaltsame Gedankenspirale. Spürte ich irgendwelche Anzeichen von Krankheiten? Kribbelte es nicht verdächtig in meinem Schritt?
»Wer war denn eigentlich noch so da?« Ich konnte nur hoffen, dass er sich erinnerte oder die anderen zumindest kannte. Denn ich stehe zwar auf Abenteuer, aber weniger auf vermeidbare Krankheiten. Vielmehr habe ich eine Heidenangst davor, mir selbstverschuldet etwas einzufangen, dass sich nicht mit ein paar Antibiotika behandeln lässt.
»Na, da war doch noch dieser Kerl aus deinem Fitnessstudio …«
Ich nickte und meinte mich dunkel an das Gesicht von Jens zu erinnern. Er gehört zu der Sorte Menschen, die man ab und an sieht und sich dann neutral grüßt. Soviel ich weiß, ist er sauber, aber das würde ich schnell herausfinden können.
»Und Marco, glaube ich.«
»Marco?« Der Name sagte mir nichts.
»Aber klar doch.« Er grinste mich an und zwinkerte. »Ihr habt doch noch ausgeknobelt, wer wen von euch ficken darf.«
»Scheiße«, nuschelte ich.
»Ach, ich glaube, es hat dir gefallen, so hart durchgevögelt zu werden.«
In der Hoffnung, nur zu träumen, schloss ich die Augen. Ich lasse mich nicht vögeln. Zumindest von keinem Kerl, den ich nicht kenne. Selbst Adrian kam dieses Privileg nur selten zuteil. Okay, jetzt nur nicht in Panik geraten. Ich atmete tief durch und hoffte, möglichst entspannt auszusehen.
»Sag mal, hast du zufällig die Nummer von diesem Marco?«
Er sah mich enttäuscht an. Vermutlich dachte er, ich wollte mich mit dem treffen. Dennoch las er sie mir bereitwillig aus seinem Handy vor.
»Soll ich dir meine auch geben?«
Ich schüttelte den Kopf und verkniff mir das »Wozu?«. Stattdessen wandte ich mich um und sagte noch schnell: »Danke. Ich weiß ja, wo ich dich finde.«

Auf dem Parkplatz des Supermarktes rief ich bereits Marco an und hoffte, er würde das Gespräch annehmen. Marco war über meinen Anruf reichlich verwirrt, denn er wusste überhaupt nicht mehr, wer ich war. »Aber wenn wir wirklich ohne Gummi gevögelt haben, solltest du dich vielleicht vorsichtshalber testen lassen.«
Im Grunde war mit diesem Satz bereits alles gesagt, dennoch fragte ich nach: »Wieso?«
»Na ja, ich bin positiv.« In diesem Moment wäre ich am liebsten tot umgefallen. Wie bescheuert kann man eigentlich sein? Er faselte zwar noch irgendetwas von Nachweisgrenze und keine Sorgen, aber mal ehrlich: Er brauchte sich ja auch keine mehr machen.
Und ja, grundsätzlich weiß ich, dass die Gefahr einer Ansteckung praktisch nicht gegeben ist, wenn der Sexualpartner unter der Nachweisgrenze ist. Aber die Information, dass wir alle unsafe gevögelt haben und dann noch dazu Marcos Aussage waren in diesem Moment zu viel. Mein logisches Denkvermögen setzte aus und ich sah mich schon lebenslang Pillen schlucken, die mein Körper irgendwann nicht mehr verträgt, und mich mit Nebenwirkungen und Leberversagen kämpfen.
Kopflos fuhr ich sofort ins Krankenhaus und stürmte zu meinem Kollegen, der immer meine Tests durchführt.
»Ist noch ein bisschen früh, oder? Du bist doch erst in zwei Monaten wieder dran«, erwiderte er auf meine Bitte eines schnellstmöglichen Tests.
Nachdem ich ihn zu Stillschweigen verdonnert hatte und ihm in kurzen Worten umriss, worum es ging, wurde er ernst.
»Was ist mit ’ner PEP?«
»Zu spät«, erwiderte ich resigniert. »Die 72 Stunden sind schon lange vorbei.«
Er atmete einmal tief durch. »Okay. Ich veranlasse sofort den Suchtest und rufe dich dann an.«
Das war mir viel zu ungenau. Ich brauchte Gewissheit, und das am besten zwei Tage zuvor. »Können wir nicht gleich ’nen PCR machen? Der ist doch wenigstens spezifisch.«
Seine Stirn zog sich kraus, doch dann sah er mich wieder neutral an und erklärte im ruhigen Ton: »Ja, und noch viel zu früh. Frühestens 15 Tage nach einer möglichen Ansteckung gibt es damit ein sicheres Ergebnis.« Das war mir selbstverständlich bewusst, aber irgendwie hoffte ich wohl auf ein Wunder. »Außerdem müsste ich dann die Kosten erklären. Wie du weißt, ist das nicht gerade billig.«
Ich gab mich also geschlagen, ließ mir Blut abnehmen und fuhr nach Hause.

Ich machte mir die größten Vorwürfe und Adrian, der auf mich wartete und gerade dabei war, Essen zu kochen, verstärkte mein schlechtes Gewissen zusätzlich. Er hatte schon immer feine Antennen für meine Stimmung, doch ich wimmelte ihn ab, schnappte mir das Telefon und rief Ulf an – mein ältester und bester Freund, den ich noch aus unserer Zeit im Kinderheim kenne. Was hatten wir damals nicht alles an Blödsinn angestellt?
Ulf ist ebenfalls schwul, doch im Gegensatz zu mir ungeoutet. Kommt als Profisportler eben nicht so gut, auch wenn in den Medien immer gerne so getan wird, als wäre Homosexualität kaum noch ein Thema.

Ulf ist der Einzige, mit dem ich offen über alles reden kann. Er kennt mich und hat mich bereits in den übelsten Verfassungen gesehen und stets wieder aufgebaut. Dazu ist er immer sehr analytisch und direkt, was ich zu schätzen weiß. So auch in dieser Situation.
»Hattest du seitdem Sex mit Adrian?«
»Ja.« Sicher hatten wir den.
»Ungeschützt?« Eine Frage, die mir einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte.
»Immer«, brachte ich krächzend hervor.
»Du musst es ihm sagen.«
»Aber ich liebe ihn. Ich kann es ihm nicht sagen.«
Zwar führten Adrian und ich eine offene Beziehung, aber es gab klare Regeln. Die oberste lautete: immer safe. Wenn ich ihm jetzt beichtete, dagegen verstoßen zu haben, wäre es vorbei. Diesen Vertrauensbruch würde er nicht akzeptieren.
»Willst du, dass der Mann, den du liebst, an AIDS stirbt?«, fragte Ulf aufgebracht.
»Nein!«, schrie ich ins Telefon. Rechtfertigungen lagen mir auf der Zunge, dass ja noch gar nicht sicher sei, dass ich mich infiziert hätte. Ich könnte doch auch einfach das Ergebnis abwarten und erst dann mit Adrian reden.
»Also?« Ich hörte ihn tief durchatmen. »Lars, hab einmal den Arsch in der Hose und steh zu dem Scheiß, den du gemacht hast!«
Sagte sich so leicht.
Ich tat es nicht. Aber dass ich bei unserem abendlichen Stelldichein plötzlich Kondome hervorkramte, alarmierte Adrian natürlich. Ich konnte die Fassade nicht länger aufrecht erhalten und gestand ihm unter Tränen, was passiert war.
Er war vollkommen fassungslos und die Ohrfeige, die er mir verpasste, hatte ich eindeutig verdient. Er hatte ja recht. Ich hatte unverantwortlich gehandelt. Nicht nur mir selbst, sondern vor allem ihm gegenüber; dem Mann, den ich liebte. Kurz zuvor hatte mich bereits Marius verlassen.
Ja, ich fuhr damals zweigleisig, aber ich konnte und wollte mich die ganze Zeit nicht entscheiden. Irgendwie liebte ich beide. Tja, und nun blieb mir keiner mehr.
Adrian verließ mich auf der Stelle. Selbst der Anruf aus dem Krankenhaus, dass mein Schnelltest negativ war, konnte ihn nicht umstimmen.
»Komm endlich mit deinem scheiß Leben klar, Lars! Du zerstörst dich nur selbst. Wach auf und hol dir Hilfe.« Ich verstand nicht, was er mir damit zu sagen versuchte, oder vielmehr: Ich wollte es nicht verstehen.

Seitdem hatte ich keinen Sex mehr. Also zumindest keinen mehr mit einer anderen Person. Das ist nun drei Monate her und heute bekam ich das endgültige Ergebnis. Ich hatte alle Tests, die machbar sind, beantragt und unter jedem stand nur ein Wort, das mich interessierte: negativ.
Die Erleichterung hält sich dennoch in Grenzen. Schließlich habe ich alles verloren und wenn ich nicht aufpasse, gesellt sich mein Arbeitsplatz noch dazu. Denn mein Chef war alles andere als begeistert, dass ich diese ganzen teuren Tests auf Kosten des Krankenhauses hatte durchführen lassen. Also durfte ich vorhin nach meinen 26 Stunden in seinem Büro antanzen und meine Abmahnung abholen.
Jetzt will ich nur noch mein Fahrrad schnappen, nach Hause fahren und die nächsten zwei Tage durchschlafen. Doch gestaltet sich die Sache mit dem Fahren schwierig, zumindest mit meinem Rad. Dieses steht zwar noch an Ort und Stelle, aber irgendein Arschloch meinte offensichtlich, die Schneidfähigkeit seines Messers an meinen Reifen testen zu müssen.
Das bedeutet: Fahrrad zur S-Bahn tragen und auf diese Weise nach Hause fahren. Morgen werde ich dann neue Reifen kaufen müssen. Damit der heutige Tag noch besser wird, ist der Fahrstuhl zum S-Bahngleis natürlich defekt.
Kurz vor Mittag brennt die Junisonne gnadenlos. Schweiß rinnt meinen Rücken herunter und meine Schulter protestiert gegen das Gewicht des Fahrrads. In der Unterführung zum Bahnsteig steht die Luft. Der Versuch, flach zu atmen, um den Gestank der vollgepissten Ecken so wenig wie möglich wahrzunehmen, misslingt kläglich. Die Muskeln meines Oberarms zittern, dennoch halte ich nicht an. Jede Sekunde länger in dieser Atmosphäre verstärkt den langsam, aber bestimmt heraufkriechenden Brechreiz.
Mit jeder Stufe, die ich hochgehe, schlucke ich, als könnte ich meine Atemwege somit reinigen. Auf halber Treppe dringt Gepöbel von oben herunter. Na, ganz toll. Auf irgendwelche Idioten habe ich ja im Moment besonders Lust. Jetzt bleibe ich doch kurz stehen und atme mehrfach durch. Hier geht es schon deutlich besser.
Wenige Stufen trennen mich noch vom Bahnsteig. Noch sehe ich den Unruhestifter nicht, dafür aber überdeutlich ein Handy, das auf mich zufliegt. In letzter Sekunde kann ich meinen Kopf so weit zur Seite reißen, dass es so gerade eben an mir vorbeisaust.
»Ey!«, schreie ich hinauf. Nicht, dass gleich noch mehr hinterherkommt.
»Du hältst deine Schnauze!«, höre ich jemanden, bevor ein Typ Marke Anabolikajunkie an mir vorbei die Treppe herunterhechtet.
Kopfschüttelnd hieve ich mein Fahrrad die letzten Stufen hinauf. Die Hitze scheint den Menschen nicht sonderlich zu bekommen.

Schnaufend stelle ich mein Rad endlich oben ab. Mit dem Handrücken wische ich mir über die Stirn. Kurz schaue ich mich um. Merkwürdig, hier befindet sich kein einziger weiterer Mensch. Wer weiß, mit wem er da gesprochen hat.
Ich lasse mich auf eine der Bänke nieder, um zu warten. Laut Anzeige kommt die nächste Bahn in knapp zehn Minuten. Ich hole mein Handy hervor und checke meine E-Mails, als ich plötzlich eine Art Röcheln höre, gefolgt von einem Husten. Ein kurzer Rundumblick, doch ich sehe niemanden.
»Was …?« Aus dem Augenwinkel meine ich etwas zu sehen. Da, hinter dem S-Bahn-Häuschen – war da eine Bewegung?
Jetzt höre ich ein Wimmern. Ganz eindeutig. Ich stehe auf, lehne mein Fahrrad gegen den Sitz und nähere mich dem Geräusch, immer darauf bedacht, dass es auch eine Falle sein könnte.
»Ach du Scheiße!« Es ist keine Falle. Denn ich bezweifle, dass sich jemand dafür krümmend und blutend auf die Erde legt.
Schnell hocke ich mich neben die Person. Ein Mann, etwa in meinem Alter und schwul. Ja, das erkenne ich tatsächlich sofort. Nicht, dass mein Gay-Radar dermaßen perfekt funktioniert, aber ein Typ in roter Latexhose, dunkelblauem Glitzeroberteil und dazu passenden Schuhen ist entweder schwul oder hat eine Wette verloren. Geschminkt ist er obendrein auch noch. Ich ahne, weshalb er hier in dieser Verfassung liegt.
Außerdem – den kenne ich doch! Ist das nicht der, der mich letztes Wochenende im Club angemacht hat? Ja, ich bin mir recht sicher. Tja, Ulfs Meinung nach habe ich bei dem echt was verpasst.
»Hey, kannst du mich hören?« Vorsichtig berühre ich seinen Arm, was ihn heftig zucken lässt.
»Alles in Ordnung«, versuche ich ihn zu beruhigen. »Der Typ ist weg.«
Er hustet und spuckt gleich darauf Blut aus.
»Scheiße!« Ich weiche zu spät aus. Diese Sneakers werde ich dann wohl entsorgen können. Hektisch tippe ich auf mein Smartphone und rufe im Krankenhaus an.
»Schickt mir ’nen RTW. Schnell. Überfall am S-Bahnhof Schildstraße, junger Mann, schätzungsweise Anfang 30, offenbar innere Verletzungen, bei Bewusstsein, aber nur schwach. Beeilt euch!«
Wieder röchelt der Typ. »Tut dir was weh?« Das ist zugegeben eine blöde Frage, aber ich muss herausfinden, ob er unter Schock steht.
»Oui, je …«, erwidert der Typ leise. Stimmt, der ist ja Franzose. Mein Schulfranzösisch ist so lange her, damit muss ich jetzt nicht anfangen.
Er versucht sich aufzurichten, doch sein Arm schmerzt offenbar höllisch. »Nein, liegen bleiben.« Er reagiert nicht, versucht in Panik wegzurobben. Ich krame in meinem Kopf nach den passenden Vokabeln. »Ähm, was heißt das noch mal auf Französisch? Ah, ja. Rester.« Einerseits möchte ich ihn festhalten, anderseits ihm aber keine weiteren Schmerzen zufügen. Daher streiche ich lediglich über seinen Handrücken.
Tatsächlich wird er ruhiger und legt sich wieder hin. Seine Kurzatmigkeit gefällt mir nicht. Er kneift die Augen fest zusammen. »Merde!«
Okay, das verstehe sogar ich. Wo zur Hölle bleibt der Krankenwagen? Das Krankenhaus ist doch um die Ecke.
Der Typ windet sich. Ich würde ihm gerne helfen. Stabile Seitenlage wäre eine Option, zumindest je nach Verletzung. Also starte ich einen nächsten Versuch. »Wo hast du Schmerzen?«
»Überall«, erklärt er angestrengt flüsternd. Nicht sonderlich hilfreich.
»Darf ich dich vorsichtig abtasten?«, frage ich und sein skeptischer Blick lässt mich grinsen. »Ich bin Arzt.«
»Was für ein Arzt?« Wieder stöhnt er schmerzerfüllt.
»Ich bin Frauenarzt«, erkläre ich, während ich behutsam an ihm entlangstreiche.
Skeptisch verfolgt sein Blick mein Tun. »Ähm …«
»Keine Angst, Erste Hilfe bekomme ich auch bei Männern hin.« Er nickt andeutungsweise. Als ich seinen Arm berühre, atmet er wieder stoßweise. »Entschuldige«, nuschle ich und beende die kurze Untersuchung ab. Ich tippe auf einige Brüche und wie es mit den inneren Organen aussieht, kann ich nur vermuten. Ihn jetzt zu bewegen könnte zusätzlichen Schaden hervorrufen. Besser ich besinne mich darauf, ihn bei Bewusstsein zu halten und dafür zu sorgen, dass er sich so wenig wie möglich bewegt. Ich streichle behutsam seine Wange und versuche mir vorzustellen, wie er ohne den Dreck, das Blut und das Make-up aussieht.
Endlich höre ich die Sirenen. »Okay, der Krankenwagen ist da. Die bringen dich gleich ins Krankenhaus.«
»Merci«, flüstert der Typ. Seine Augen blicken mich dankbar an.
»De rien«, erwidere ich automatisch.
Die Sanitäter eilen heran und ich stehe auf. Oder vielmehr: Ich will aufstehen, denn der Typ hält meine Hand fest. »Was …?«

 


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