Leseprobe: »Hinter der Maske - Wenn Männer lieben«

Amnesie

 

»Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.« - Jean Paul

 

»Nein, ich schaffe es nicht«, knurre ich frustriert.

»Atmen Sie ganz ruhig. Ein und aus.« Mr Oberschlau macht es mir vor. »Sie haben es doch eben bereits vor sich gesehen. Sie dürfen es nur nicht erzwingen.«

»Nein!« Meine Faust landet im Kissen. »Verdammt! Es klappt nicht! Es hat schon die letzten vier Wochen nicht funktioniert! Wieso sollte es das jetzt?«

Ich setze mich auf. Die typische Ledercouch, die man im Behandlungszimmer eines Seelenklempners offenbar zu Recht vermutet, ist bequemer, als man meinen möchte.

»Ich weiß, dass Sie frustriert sind. Waren Sie schon immer so ungeduldig?«, fragt er, während er auf seinem Block herumkritzelt.

Wüsste ich es nicht besser, würde ich davon ausgehen, in einem schlechten Film gelandet zu sein. Denn neben den scheinbar standesüblichen Möbeln befindet sich in diesem Raum auch der obligatorische, halb vertrocknete Farn, der wohl das letzte Mal bei der Praxiseröffnung Wasser gesehen hat. Der Psychodoc trägt, wie sollte es anders sein, eine Hornbrille, sitzt im Stuhl und schreibt auf einem Block. Per Hand. Hallo? Wir sind im Zeitalter der Computer und Tablets angekommen. Zumal sein Studienabschluss höchstens drei Jahre her sein dürfte. Ergo: Er ist viel zu jung, um verstaubt zu sein. Und das weiß ich sogar trotz meiner Amnesie.

Ja, ich bin hier, weil ich mein Gedächtnis verloren habe. Oder vielmehr: Ich habe es nur verlegt. Laut Dr. Knackarsch - denn den hat er zugegebenermaßen wirklich - ist alles noch in meinem Kopf. Nur will es da nicht heraus. Scheint gemütlich da drin zu sein.

 

»Sören? Haben Sie mich gehört?« Natürlich habe ich das. Schließlich bin ich nicht taub. Dann wäre ich hier wohl beim falschen Spezialisten.

»Woher zur Hölle soll ich das wissen?«, fahre ich ihn an. »Falls Sie es vergessen haben: Ich kann mich nicht erinnern!«

Ich bin kurz davor, gegen irgendeines der Massivholzmöbel zu treten. Nur würde mir das vermutlich mehr wehtun, als dass es meine Wut abbaut.

Zudem ist der Bruch in meinem Bein gerade erst verheilt und eine erneute Verletzung würde meine Entlassung aus diesem Krankenhaus sicher verzögern.

In einer ruhigen, fließenden Bewegung legt der Doc den Block zur Seite, richtet seine Brille und lächelt mich an. Ich kann mich nicht mehr an viel aus meinem früheren Leben erinnern, aber ich weiß definitiv, dass ich schwul bin. Dieser Typ geht mir seit der ersten Sitzung nicht mehr aus dem Kopf. Nur zu blöd, dass er hetero ist - und verheiratet. Sagt zumindest der Ring an seinem Finger.

Diese Tatsache hält mich trotzdem nicht davon ab, ihm hinterherzusabbern und mir sein Gesicht oder andere Körperteile vorzustellen, wenn ich mir auf dem Klo einen runterhole.

 

Er rückt mit seinem Stuhl direkt vor mich.

»Schließen Sie die Augen«, bittet er sanft. Ich sollte ihm sagen, dass er nicht auf diese Weise mit mir reden soll. Die Gänsehaut, die seine Stimme auslöst, ist alles andere als konzentrationsfördernd. Andererseits steht für morgen meine Entlassung an, was bedeutet, dass wir uns nicht mehr täglich, sondern nur noch zwei Mal wöchentlich zur Therapie sehen werden. Daher kann ich seine Zuwendung auch noch einmal auskosten, finde ich.

Dass ich schwul bin, weiß er übrigens nicht, denn diese Sache ist mir zu privat. Außerdem wüsste ich nicht, was ich antworten sollte, wenn er fragen würde, wie ich dies herausgefunden habe. Soll ich dann etwa sagen: ›Seit Sie in der ersten Therapiestunde Ihren Kuli fallen gelassen und mir beim Aufheben Ihren knackigen Hintern hingestreckt haben, kann ich an nichts anderes mehr denken, als Sie nackt unter mir liegen zu haben, nach mehr bettelnd‹? Ich denke, das wäre reichlich unangebracht.

Ich schließe also meine Augen und lausche seiner Stimme.

»Einatmen. Ausatmen. Denk an nichts.« Was für ein dämlicher Satz. Man kann nicht an ›nichts‹ denken. Man denkt immer an ›irgendetwas‹. An den Wocheneinkauf, daran, dass man die Blumen gießen muss, die Fenster putzen, was weiß ich.

»Sören. Bleib bei der Sache.« Uh, der Doc wird ungeduldig? Und seit wann sind wir so vertraut?

»Konzentriere dich nur auf deine Atmung.«

Das hört sich leicht an, ist es aber überhaupt nicht. Ich glaube, ich habe früher etwas Kreatives gemacht. Mein Hirn gibt keine Ruhe. Die Gedanken kreisen unermüdlich, wollen sich aneinanderketten und schaffen es doch nicht. So, als würden sie durch eine unsichtbare Wand getrennt. Ähnlich wie dieses Bild, das immer wieder vor meinem geistigen Auge erscheint.

Ich spüre seine Hände, wie sie sanft meine nehmen und plötzlich ist das Bild so klar wie noch nie.

»Ich sehe es«, flüstere ich. »Ein Mann. Ein paar Bäume. Nebel. Alles ist so weit weg.«

»Kannst du die Erscheinung näher heranholen?«

Ich versuche es, aber es passiert das Gleiche wie sonst auch: Es entgleitet mir. Immer, wenn ich mich krampfhaft bemühe, dieses Bild einzufangen, vor meinem inneren Auge zu verdeutlichen, entschwindet es mir.

Ich verspanne mich. Doch als der Doc sanft über meinen Handrücken streichelt, kommt es wieder.

»Es geht nicht näher. Es ist, als wenn ich durch eine Scheibe oder ein Fenster in eine andere Welt sehen würde. In die Welt, die eigentlich meine ist, aber ich finde keinen Weg hindurch.«

»Kennst du den Mann?«

Die Gestalt ist kaum auszumachen. Ich kann nichts erkennen.

»Hör nur auf dein Gefühl. Was sagt es dir?«

›Dass ich gerade andere Dinge mit dir machen möchte als über irgendwelche Typen zu reden, die im Nebel herumrennen.‹

»Ich weiß es nicht.« Mit einem Ruck entziehe ich ihm meine Hände. »Das alles bringt mich kein Stück weiter. Seit vier Wochen versuchen wir, irgendetwas aus mir herauszukitzeln. Ich schätze, ich muss anfangen, mich damit abzufinden, dass mein Gedächtnis bei dem Unfall gestorben ist.«

»Nein!« Wow! Da ist aber einer entschlossen.

»Dein Fall ist klassisch, wie im Lehrbuch. Deine Erinnerungen werden wiederkommen.« Ich bin da nicht so zuversichtlich.

»Wann sind wir eigentlich zum ›du‹ übergegangen?«, frage ich, während ich meine Sachen zusammensuche. Der Doc wird tatsächlich ein wenig rot. Niedlich.

Nein! Hör auf, so zu denken!

Hetero!

Echt, man könnte annehmen, ich hätte nicht nur mein Gedächtnis, sondern auch meinen Verstand verloren.

»Ich ... ähm ... Entschuldigung. Es war nur ein Versuch durch eine Vertrauensbasis möglicherweise einige Barrieren zu beseitigen.«

Ich grinse. »Ich wollte mich nicht beschweren. Ich dachte nur, ich hätte es vielleicht vergessen.«

Für einen Moment entgleisen ihm die Gesichtszüge, bis er ebenfalls lächelt. »Ich mag deinen Humor.«

»Den meisten ist Sarkasmus ein Fremdwort. Das kann ich dir sagen«, erwidere ich seufzend. »Du glaubst gar nicht, wie oft ich damit schon angeeckt bin.«

»Erzähl mir davon.«

»Na ja, ich ... ähm ...« Ich reiße die Augen auf. Ich erinnere mich! Also, nicht wirklich, aber da ist ein vages Gefühl. Mein Herz rast, als führe es einen Freudentanz auf.

»Ich habe mich gerade an etwas erinnert. Keine spezielle Situation, vielmehr ein Gefühl, aber ... wow ... das ist toll! Danke!« Im Überschwang umarme ich ihn kurz.

»Gerne.« Leise lachend hält er mich fest. In mir kribbelt es und ich kann nicht sagen, ob es an der Freude, mich zu erinnern liegt oder an seinem Lachen.


(in)direkt

 

»Okay, Sprichwörter mit Rom!«

»Alle Wege führen nach Rom

»Wer in Rom ist, soll es den Römern gleich tun

»Auch Rom wurde nicht an einem Tag erbaut.«

»Die spinnen, die Römer!«

Drei Augenpaare starren mich an. »Was?«, frage ich genervt.

»Das ist doch kein Sprichwort.«

»Was denn dann?«

»Das ist dieser blöde Satz, den Obelix immer sagt.«

»Und?«

»Na, das ist kein Sprichwort.«

Und wenn schon. Ich hasse Spieleabende. Trotzdem sitze ich jeden zweiten Samstag hier mit meinen drei besten Freunden und mache diesen Quatsch mit. Und warum? Seinetwegen. Das Gute an diesen Abenden ist: Irgendwann fließt genug Alkohol. Im nüchternen Zustand traue ich mich nämlich nicht, Philip anzugraben. Darf ich nur keinem erzählen. Jeder denkt, dass solch ein Hüne wie ich vor nichts Angst hat. Ich sag euch mal was: Angst korreliert nicht negativ mit der Körpergröße. Dann müssten kleine Menschen schließlich ständig panikgebeutelt durch die Gegend huschen.

 

»Sven, du bist raus.« Ich weiß, was das heißt: Ich muss einen Kurzen trinken. Grinsend schenkt mir Philip ein und widerwillig kippe ich das Zeug herunter. Ich mag diesen scharfen Alkohol nicht sonderlich, aber er führt wenigstens schnell zum Ziel.

Okay, die letzten Male hat er mich eher übers Ziel hinausgetragen, denn ich war jedes Mal dermaßen betrunken, dass ich auf Philips Couch eingeschlafen bin. Bei ihm schlafe ich immer nach einem Spieleabend, weil nach Hause fahren mit dem Auto nicht mehr drin ist und ich in solch einem Kuhkaff wohne, dass es keine andere Möglichkeit gibt.

Bei meiner Übernachtung vor zehn Wochen bin ich nachts aufgewacht und habe recht eindeutige Geräusche aus Philips Schlafzimmer gehört. Ich dachte, er zieht sich einen Porno rein, doch als ich einen Blick hineinwagte, sah ich, wie er gerade von einem anderen Kerl gevögelt wurde und dabei so weggetreten und irgendwie verliebt aussah, dass ich schon befürchtete, mein in Fetzen gerissenes Herz hinterließe Blutspuren auf seinem Teppich.

Ja, entschuldigt, ich neige zu Theatralik. Aber genauso fühlte es sich an und ich habe fast zwei Monate gebraucht, um mich von dem Anblick zu erholen. Selbst das Schwänzen der Spieleabende war keine Lösung.

Seitdem leide ich stumm vor mich hin. Der Ablauf ist immer der gleiche: Anfangs sitze ich verklemmt da und versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Nach dem dritten Kurzen fange ich an, blöde Sprüche zu reißen und Philip anzutatschen. Der steht da drauf, auch im nüchternen Zustand. Er kuschelt und schmust für sein Leben gern. Aber wenn ich das mache, befürchte ich, er merkt mir meine Gefühle sofort an. Das ist das Letzte, das ich will.

Ja, schüchtern ist der Riese auch noch. Schon blöd. Vor allem, weil Philip ständig von seinem Nachbarn schwärmt. Sören - ich kann den Namen nicht mehr hören. Erst recht, da der Typ seit ein paar Wochen kommentarlos verschwunden ist. Jetzt jammert Philip in einer Tour, weil der Kerl angeblich ein Gott im Bett ist. ›Ich könnte es dir hundert Mal besser besorgen!‹

Doch anstatt derart schlagfertig zu antworten, verstecke ich mich lieber hinter der Maske der Freundschaft.

 

»Sven! Du bist dran!«

Verwirrt schaue ich mich um.

»Hm?«

Lachend hält Philip bereits die Flasche wieder hoch.

Die nächste Regel: Wer nicht aufpasst, muss einen trinken. Ich denke, allmählich ist das Prinzip klar: Eigentlich muss man ständig trinken. Egal, ob man verliert oder gewinnt.

Man könnte meinen, wir seien achtzehn und spätpubertär. Nun, addiert zehn Jahre hinzu, dann passt es im Schnitt.

Grummelnd schütte ich auch diesen Alkohol in mich. »Bäh! Sag mal, kannst du nicht mal etwas besorgen, das auch schmeckt?«

Philip verzieht beleidigt das Gesicht. »Bisher hast du dich auch nicht beschwert.«

Ich zucke mit den Schultern.

»Was ist denn mit dir los?«, fragt Dörte plötzlich. »Du bist schon seit Wochen mies drauf und pampst jeden an.«

Ich reiße meine Augen auf. »Wie bitte?«

»Meinst du, wir merken das nicht? Wer ist es, hm? Dein neuer Kollege, von dem du erzählt hast? Der Typ, der so heiß ist?«

»Wen meinst du?«

Dörte verdreht die Augen. »Na, dieser Arzt, der vergeben ist.«

»Adrian?«

»Ja, genau. Gib’s zu, du hast dich in ihn verknallt.«

Lachend schüttle ich den Kopf. »Nein, ganz sicher nicht.«

»Aber wer ist es dann?«

Ich stöhne. »Gar keiner, okay?«

Philip legt seinen Arm um mich, als wolle er mich beschützen. »Jetzt lass den Armen doch mal. Du merkst doch, dass er nicht darüber reden will.«

Ich erlaube mir, mich ganz leicht gegen ihn zu lehnen. »Danke, Kleiner!«

»Glaube mir, das ist eine Bezeichnung, die du definitiv revidierst, wenn du mich mal in Bereitschaft siehst.«

Lachend kuschelt er sich stärker an mich.

Ich lecke mir unauffällig - so hoffe ich zumindest - über die Lippen. Wo ist denn die ganze Feuchtigkeit aus meinem Mund auf einmal hin? Ich schätze, sie hat sich zu meinem Blut gesellt, das soeben offenbar einen tollen, neuen Aufenthaltsort in meinem Schwanz entdeckt hat.

Ich atme mehrmals tief durch und will meinen Arm um Philip legen, doch der setzt sich wieder gerade hin.

»Los, weiter geht’s!«

 

~*~*~

 

Zwei Stunden später bin ich zwar nicht mehr nüchtern, aber lange nicht so betrunken wie die letzten Male. Im Gegensatz zu Philip. Ich habe reichlich Mühe, ihn in die Straßenbahn zu bekommen. Er geht mir gerade mal bis kurz unter die Achseln, trotzdem kann ich ihn kaum festhalten.

In der Bahn kriecht er beinahe auf meinen Schoß und schlummert bereits zwei Minuten nach Abfahrt in meinem Arm. Im Schlaf streichelt er immer wieder über meinen Bauch und schmatzt ab und zu. Ich könnte heulen. Der Typ ist einfach nur Zucker und ich bin einfach nur dämlich. Philip ist nicht der Typ für Beziehungen. Mit mir sowieso nicht.

Höchstens noch mit seinem Super-Nachbarn. Der ist übrigens wieder aufgetaucht, hat Philip vorhin erzählt. Angeblich hat der sein Gedächtnis verloren. Ich glaube ja eher, der will Philip loswerden. Soll mir recht sein, wenn ich es auch nicht verstehe.

Philip lacht leise im Schlaf und nuschelt unverständliche Wörter. »Römer ...« Noch einmal lacht er. Dann geht es in ein Stöhnen über. »Ja, mach mir den Obelix!«

Wie bitte?

 

Zehn Minuten später rüttle ich vorsichtig an Philips Schulter. »Hey! Aufwachen, Dornröschen. Wir müssen aussteigen.« Er klammert sich stärker an mich, macht aber keine Anstalten aufzustehen.

Seufzend hebe ich ihn kurzerhand hoch und trage ihn aus der Bahn. An der frischen Luft wird er gleich munterer. Nachdem ich ihn abgesetzt habe, reibt er sich die Augen. »Wo sind wir?«

»Straßenbahnhaltestelle. Zwei Ecken von deiner Wohnung entfernt«, erkläre ich knapp.

»Ach, ja.«

Ich lege automatisch meinen Arm um ihn, als er gefährliche Schlagseite beim Gehen bekommt. »Will nich’ lauf’n.«

»Sind ja gleich da.«

Okay, mit einem betrunkenen Philip im Arm bedeutet ›gleich‹ definitiv noch einmal etwas anderes, doch irgendwann haben wir es tatsächlich bis in den dritten Stock zu seiner Wohnung geschafft.

»Philip? Aufschließen.« Der verständnislose Blick, als wir vor seiner Tür stehen bleiben, ist zum Niederknien. Er greift in seine Hosentasche, bekommt den Schlüssel aber offensichtlich nicht heraus. »Mach du«, fordert er träge.

»Was?«

Er schnappt meine Hand und führt sie zu seiner Hose. Ich zittere, als ich langsam meine Hand in seine Tasche gleiten lasse, bemüht, ihn dabei so wenig wie möglich zu berühren. Vorsichtig ziehe ich den Schlüssel heraus. An dem Bund hängen bestimmt zehn Stück.

»Welcher ist es?« Demonstrativ halte ich sie hoch.

»Weiß nich’.« Philip klammert sich an mir fest. Vielleicht ganz gut, dann fällt er wenigstens nicht um.


Heimlichkeiten

 

»Such dir endlich 'nen Job!« Eugen wirft mir mein verschwitztes T-Shirt ins Gesicht. »Ich bin es allmählich leid, dich ständig mit durchzufüttern.«

Grummelnd schiebe ich den Stoff von mir herunter. Der Versuch, ihn zu verführen und somit von seiner regelmäßigen Predigt abzulenken, ist unglücklicherweise vollkommen daneben gegangen.

»Du weißt genau, dass das nicht so einfach ist.«

»Wenn man es aber gar nicht erst versucht, wird es nie etwas«, erwidert er. Ich muss zugeben, ganz unrecht hat er nicht. Nur scheint der Bedarf an Elektrikern in unserer Umgebung mehr als gedeckt zu sein. Ein grundsolider Job und ich bin gut darin. Das kann ich behaupten, ohne arrogant zu sein. Ich hatte auch eine feste Anstellung. Bis zu dem Tag, an dem ich morgens meinen Chef im Frühstücksraum fand - von der Decke baumelnd mit einem Strick um den Hals. Kein schöner Anblick, das kann ich sagen. Schnell war klar, weshalb er zu solch einem Mittel gegriffen hatte: Die Firma war pleite. Mehr als das. Er war hoch verschuldet gewesen, hatte Gelder veruntreut, Rechnungen nicht bezahlt. Von der Bank hatte er keinen weiteren Kredit bewilligt bekommen und als er unsere Gehälter nicht mehr zahlen konnte, sah er offenbar keinen anderen Ausweg mehr. So bin ich von einem auf den anderen Tag arbeitslos geworden. Etwas, womit ich nie gerechnet hätte.

Es ist ja nicht so, dass ich mich nicht schon abseits meines Berufes umgesehen hätte, nur leider sind meine Möglichkeiten begrenzt. Auf dem Bau zu schaffen kommt dank des Umstandes, dass mein rechtes Bein nur noch von der Hüfte bis knapp unterhalb des Knies existiert, nicht infrage. Zwar kann ich normal gehen und wenn ich nicht gerade schnell Treppen laufen muss, fällt dies auch niemandem auf; Prothese sei dank. Knien ist bereits grenzwertig. Derartige Arbeiten erledigte mein Chef selbst oder stellte mir einen Azubi zur Seite. Wie man sich mit solch einer Behinderung überhaupt für diesen Job entscheiden kann? Nun, ich bin niemand, der darauf hört, wenn andere sagen ›Das kannst du aber nicht.‹ Ich tue es einfach. Dennoch bin ich kein sturer Idiot. Ich kenne meine körperlichen Grenzen und genau diese schränken mich in beruflicher Hinsicht dummerweise ein.

 

Leider lässt mein Freund diese Ausrede nicht gelten. Mit meiner Behinderung lebe ich bereits seit meiner Kindheit. Autounfall. Dass ich damals lediglich mein halbes Bein und nicht mehr verloren habe, grenzt an ein Wunder. Meinen Eltern erging es da weniger glimpflich, sodass ich bei meiner Großmutter aufwuchs, weswegen ich bei Eugens Eltern einen Stein im Brett habe. Ich gebe zu, manchmal macht es mir durchaus Spaß, die ›armer Waisenjunge‹-Karte auszuspielen und zu beobachten, wie Jutta ihren eigenen Sohn als herzlos betitelt.

»Also: Ab morgen will ich jeden Tag mindestens eine Bewerbung täglich sehen, die du geschrieben hast. Haben wir uns verstanden?«

Ich zucke mit den Schultern.

»Jakob! Ich meine das ernst. Du weißt, ich liebe dich, aber auch ich habe meine Grenzen. Es macht mir keinen Spaß, ständig mehr arbeiten zu müssen, damit wir einigermaßen über die Runden kommen.« Ich öffne den Mund, verkneife mir meinen Kommentar dann aber doch. Es stimmt schon. Das Geld, das wir vom Amt bekommen, reicht gerade mal, um nicht zu verhungern.

»Aber worauf soll ich mich denn bewerben? Es ist schließlich nicht so, dass ich nicht bereits alle Betriebe in der Umgebung angeschrieben hätte.«

»Was weiß ich?« Eugen hebt seine Arme und fuchtelt in der Luft herum. »Ist doch egal. Und wenn du als Putzhilfe oder Hundesitter arbeitest. Hauptsache es kommen ein paar Euros rein.«

»Ich versuch’s.«

»Nein. Versuchen reicht nicht mehr. Wenn du nicht bald was findest …« Den Rest des Satzes lässt er unvollendet und ich schlucke. So weit ist es also schon.

»Okay«, erwidere ich rau.

 

Natürlich haben sich bis zum nächsten Tag nicht urplötzlich die besten Stellen schlechthin ergeben. Ich quäle mich durch diverse Seiten im Internet: Jobcenter sowie sämtliche Stellenbörsen, bis ich schon fast so weit bin, mich auf ein Angebot als Nageldesigner zu bewerben. Da kommt eine E-Mail meines Beraters vom Arbeitsamt, der mir mal wieder eine neue Stelle mailt. Fliesenleger. Ja, ne. Ist klar. Für den ist Handwerker gleich Handwerker. Davon, dass ich dazu körperlich nicht mal im Entferntesten in der Lage bin, ganz zu schweigen.

Ich klicke weiter. Hm, der Bowling-Bahn-Betreiber aus unserem Ort sucht einen Hausmeister. Das könnte etwas sein. Ich werde dem schnell eine Bewerbung schreiben und später selbst vorbeibringen. Mit ein bisschen Glück stellt Sepp mich sofort ein.

Auch wenn wir uns kennen und ich mir ein wenig verkleidet vorkomme, hole ich doch die besseren Klamotten aus dem Schrank. Frisch geduscht und ordentlich rasiert schaue ich ein letztes Mal in den Spiegel. Ja, ganz annehmbar.

 

Ich fühle mich ungewohnt angespannt, als ich die Kneipe mit der Bowling-Bahn betrete, in der ich schon viele Abende verbracht habe. Joe steht hinter der Theke und poliert Gläser.

»Jakob? Was machst du denn hier?« Irritiert sieht er zur Uhr. Es ist noch nicht einmal drei Uhr nachmittags. »Ein bisschen früh für ein Feierabendbier, oder?«

Ich lächle und spüre, dass es schief aussieht. »Sag mal, ist der Sepp da?«

»Ne, glaub, der kommt heute gar nicht. Wieso? Möchtest du die Bahn mieten?«

»Nein …« Ich zögere einen Moment. »Ich wollte … also …« Mit zittrigen Händen hole ich den Umschlag aus meiner Tasche. »Kannst du ihm das hier geben?«

Joe hebt fragend eine Augenbraue. »Was ist das?«

Seufzend lasse ich mich auf einen der Barhocker nieder. Früher oder später wird er es sowieso erfahren. »Meine Bewerbung.«

»Bewerbung?«

»Ja, der Sepp sucht einen Hausmeister«, erkläre ich, ohne Joe ins Gesicht zu sehen.

»Ach, stimmt ja. Und du willst das machen?«

Ich zucke mit den Schultern. »Besser als zu Hause herumzusitzen.«

Joe stellt das Glas, das er gerade bearbeitet, ab und legt das Handtuch daneben. Schnell umrundet er den Tresen und setzt sich neben mich.

»Schwer, was zu finden im Moment, was?«

»Mhm.« Ich nicke. »Und das hier …« Ich deute auf mein rechtes Bein. »… Macht es auch nicht gerade leichter.«

»Kann ich mir vorstellen.« Er greift über die Theke und holt eine Wasserflasche sowie zwei Gläser hervor. »Muss es denn unbedingt etwas Handwerkliches sein?«

»Nicht zwingend«, erwidere ich. »Wäre zwar schön, wenn ich in meinem erlernten Beruf arbeiten könnte, aber ich bin da jetzt nicht unabdingbar drauf festgelegt.«

Joe nickt langsam und gießt die Gläser voll. »Und eine Umschulung?«

Seufzend nehme ich das mir dargebotene Wasserglas. »Darauf wird’s wohl hinauslaufen, denke ich. Legt mir das Jobcenter auch schon nahe.«

»Du klingst ja begeistert.«

»Na ja, vermutlich wollen die mich in einen Job schieben, bei dem man den ganzen Tag am Schreibtisch versauert.«

»Verstehe. Nichts für dich.«

Ich verziehe das Gesicht. »Nein.«

»Hm, und wenn du etwas in Richtung Vertrieb machst?«

»Was meinst du?«

»Na ja, meine Schwester macht das. Geht zu Leuten nach Hause, meist Frauen, und verkauft so Plastikkram. Du weißt schon.«

»Klinken putzen und betteln, dass einem was abgekauft wird?« Klingt nicht sonderlich prickelnd.

»Nein, sie hat ihren Käuferstamm. Es werden Verkaufspartys bei jemandem zu Hause veranstaltet. Dort präsentiert sie die Sachen dann und verkauft die.«

Ich weiß ja nicht. Klar, wenn man erst einmal seine Stammkunden hat, schön und gut, aber irgendwann ist der Markt doch übersättigt. Dabei geht man bestimmt auch ein ziemlich großes Risiko ein. Denn ich bezweifle, dass man die Sachen kostenlos bekommt und nur verkaufen muss. Außerdem: ich und Plastikschüsseln verkaufen? Bei gelangweilten Hausfrauen zu Hause?

»Hier.« Joe schreibt etwas auf einen Bierdeckel und hält ihn mir entgegen. »Das ist ihre Nummer. Kannst sie ja mal anrufen. Sie sucht einen Nachfolger.«

»Lohnt sich wohl doch nicht so, was?«, kann ich mir nicht verkneifen zu sticheln.

»Doch, schon. Aber sie ist doch schwanger. Da braucht sie zumindest für ein paar Monate eine Vertretung.«

Seufzend drehe ich das Stück Pappe zwischen meinen Fingern. »Ich denke darüber nach.«

»Gut.« Er schubst mich mit der Schulter an. »Wie sieht’s aus? Ein Bierchen auf’s Haus?«

»Um diese Uhrzeit? Ne, soweit bin ich noch nicht.«

 

~*~*~

 

Vielleicht hätte ich das Bier doch nicht ausschlagen sollen. Denn jetzt sitze ich stattdessen zu Hause herum und langweile mich. Mal wieder.

Ständig aktualisiere ich die Seiten der Jobbörsen, bis ich nur noch ziellos herumsurfe. Wie so häufig in letzter Zeit öffne ich eine der von mir bevorzugten Pornoseiten. Meine Arbeitslosigkeit und die dadurch hervorgerufene schlechte Laune meinerseits kombiniert mit dem Stress auf Eugens Seite haben unser Sexleben regelrecht einfrieren lassen. Abends ist er zu müde oder zu genervt oder beides. Am Wochenende diskutieren wir meist nur noch oder gehen uns aus dem Weg. Hinzu kommt, dass ich mit Eugen nicht offen über Sex reden kann. Für ihn ist das ein Thema, das man nicht bespricht. Man hat welchen oder nicht. Darüber zu sprechen ist für ihn ein Ding der Unmöglichkeit. Ein paar Mal hatte ich es zu Beginn unserer Beziehung versucht, mit dem Ergebnis, dass er angesäuert war, die Stimmung im Eimer und wir erst einmal wieder Zeit brauchten, um uns einander anzunähern.

Seither läuft es meist nach dem gleichen Schema ab. Selbst die Stellungen beinhalten kaum Variationen. Von Spielzeug oder anderen Hilfsmitteln ganz zu Schweigen.

 

Seufzend klicke ich durch die verschiedenen Kategorien. Wenn man seit Monaten zu Hause herumhängt, kennt man irgendwann selbst die schlechtesten Filmchen alle. Zumindest habe ich die vorgeschriebene Bewerbung für heute bereits geschrieben und sogar abgegeben. Blöd nur, dass Sepp sich nicht vor morgen melden wird.

Wie viel man wohl als Hausmeister verdient? Ich fürchte, nicht allzu viel. Zumal es kein Fulltime-Job ist. Allmählich sollte ich mich ernsthaft mit dem Gedanken einer Umschulung anfreunden. Was meinte Joe? Vertrieb? Nun, mir wird häufig nachgesagt, viel zu quatschen. Das ist sicher eine unerlässliche Eigenschaft für solch einen Job.

Mein Blick wandert zur Uhr. Es ist gerade mal fünf Uhr. Vor acht Uhr wird Eugen nicht heimkommen. Ich könnte jetzt Joes Schwester anrufen und nachfragen, was es mit diesem Job auf sich hat und danach noch meine übliche Nachmittags-Wichsrunde einlegen.

Ich nicke. Das ist doch mal ein Plan.


Dir haben die Leseproben gefallen?

Das komplette E-Book gibt es bei Amazon und vielen anderen E-Book-Stores.